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Netzwerken im Sozialraum ist Begabungsförderung

Netzwerken im Sozialraum ist Begabungsförderung

In der Regel wünschen sich Eltern für ihr Kind das Aufwachsen in einer Welt, die für jede und jeden von Anfang an gleichwertige Chancen in allen Bereichen bereithält. Das gilt insbesondere für den Zugang zu Bildungsangeboten. Aber was bedeutet „von Anfang an“?

Wann beginnt Begabungsgerechtigkeit?

Wann beginnt sie eigentlich – die Begabungsgerechtigkeit – in einem Land, in dem der Bildungserfolg immer noch größtenteils vom Elternhaus abhängt? Mit dem systemischen Blick lässt sich leicht erkennen, dass die Startchancen eines Menschen von Beginn der Schwangerschaft an stark von Umgebungsfaktoren geprägt sind: Wo leben die werdenden Eltern? Wie definiert sich ihr sozialer Status? Gibt es Unterstützersysteme im Sozialraum, die junge Familien stärken, damit sie die neue Lebensphase selbstwirksam gestalten können? Und ganz praktisch: Wie weit ist es mit dem Kinderwagen zu einer Einrichtung, in der sich junge Eltern treffen und kompetente Unterstützung und Beratung erfahren können?

Wenn es auch banal klingt: Eine intakte Natur mit frischer Luft in einer Umgebung, in der Musik, Bewegung und soziale Kontakte möglich sind, lassen die Chancen für eine spätere Entfaltung von Begabung deutlich wachsen. Somit kommt dem spezifischen Sozialraum eine große Bedeutung zu.

Familie wird verstärkt als Bildungsort funktionalisiert und damit die Erwartung verbunden, die Kinder – möglichst schon im Mutterleib – früh zu fördern. Damit Eltern die komplexen Anforderungen in ihrem Familienleben gelingend bewältigen können, kommt dem sogenannten dritten Raum und den darin aktiv tätigen professionellen Netzwerkern eine hohe Bedeutung zu.

Netzwerken ist nichts Neues – doch ein professioneller und gezielter Aufbau zur Wissensvermittlung, der Kindern und jungen Menschen Kontakte ermöglicht, die sie in ihrem persönlichen Umfeld nicht haben, stellt eine erweiterte Form der Begabungsförderung dar und fördert somit Begabungsgerechtigkeit. Wir im Familienzentrum KESS (KESS steht für Kinder, Eltern, Singles und Senioren) nennen das unser „Wissensnetz“.
Es steht allen Menschen im Sozialraum zur Verfügung und nicht nur „privilegierten Familien“ und ermöglicht eine eigenständige und selbstwirksame Persönlichkeitsentwicklung. Die darin netzwerkenden Akteure können dabei auch zu „Rolemodels“ für begabte Kinder und Jugendliche werden.

Wir möchten in diesem Beitrag aufzeigen, wie Begabungsförderung und Sozialraum ineinandergreifen, sich aufeinander beziehen und ergänzen können.

Sozialraum gestalten

Was ist das eigentlich genau – der spezifische Sozialraum? Hier muss auf zwei Ebenen gedacht werden: Zunächst einmal definieren Menschen ihren Sozialraum selbst. Sie bezeichnen ihn als „ihr Viertel, ihr Dorf, ihren Stadtteil, ihren Kiez“ und je länger sie dort beheimatet sind, umso besser können sie ihn beschreiben, wichtige Einrichtungen und Akteure benennen und umso leichter Zugang zu Unterstützersystemen erhalten. Frisch zugezogene Familien haben es da schon schwerer.

Auf der Verwaltungsebene definiert die öffentliche Jugendhilfeplanung den sogenannten „Sozialraum“. Sie kennt relevante Akteure und hat den gesetzlichen Auftrag, im Bereich der sogenannten Frühen Hilfen möglichst positive Umgebungsfaktoren für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen zu fördern.

Ein gut aufgestellter Sozialraum ist durch Angebote in der sozialräumlichen Beratung und der Familienbildung gekennzeichnet. Diese sollten jedoch Eltern aus allen Bildungsschichten ansprechen. Als besonders wirksam haben sich kostenfreie und offene Familiengruppen im ersten Lebensjahr des Kindes bewährt. Gekoppelt mit einer entsprechenden Beratung zur Inanspruchnahme von BUT-Leistungen (Bildung-und-Teilhabe) können diese dafür sorgen, dass erste positive Erfahrungen zu einem Einstieg in ein außerschulisches Bildungssystem führen und so im späteren Bildungsverlauf auch kostenpflichtige Angebote als Option gesehen werden. Neben Aktivitäten in den Bereichen Musik, Kreatives oder Sport können das auch außerschulische Nachhilfeangebote oder Kontakte zu ehrenamtlichen Mentor:innen sein. Gerade diese individuellen Netzwerke tragen zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit bei und lassen Interessen von Kindern und Jugendlichen sichtbar werden. Und auch hier zeigt sich: Je stärker die Akteure im Sozialraum professionell untereinander vernetzt sind, umso eher „fallen Kinder und Jugendliche mit besonderen Begabungen auf“ und erfahren Unterstützung.

Mehrwert für die Weiterentwicklung im Netzwerk

Nach Pierre Bourdieu umfasst soziales Kapital die „Gesamtheit der aktuellen und potenziellen Ressourcen, die mit der Teilhabe am Netz sozialer Beziehungen, gegenseitigen Kennens und Anerkennens verbunden sind“ 1.

Es gibt Stadtviertel oder Orte in ländlicher Umgebung mit einer gut gewachsenen Bildungslandschaft und einem hohen „sozialen Kapital“, aber auch Bezirke, in denen kaum zivilgesellschaftliche Strukturen zu erkennen sind; Kindertagesstätten und Schulen sind hier häufig die einzigen Anlaufstellen, die es der öffentlichen Jugendhilfe ermöglichen, Strukturen aufzubauen. Dabei hat sich eine Erweiterung zu Familien- oder Kinderschutzzentren, zu Familienstützpunkten oder -büros als wirkungsvoll erwiesen, wenn diese eine zentrale Funktion in Netzwerken auf institutioneller und persönlicher Ebene einnehmen 2. Das braucht Zeit, professionelles Personal und eine Haltung, die deutlich macht: „Wir im Sozialraum“ sind mehr als die „Summe unserer Teile“.

Doch erst konstruktive Kooperationsprozesse von Institutionen lassen Netzwerke nachhaltig wachsen. Und das nur, wenn ein klarer Fokus auf anzustrebende Ziele gelegt wird. Und ebenso auf die zentrale Frage: Was macht uns denn selbst zu einem „nützlichen“ Partner im Netzwerk?

Wir vom Familienzentrum KESS unterscheiden in der praktischen Arbeit drei verschiedene Typen von Netzwerken:

1. Temporäre Netzwerke für die Dauer eines Projektes

Jeder kennt sie – Netzwerkstrukturen, die aufgrund eines Projektantrages entstehen: Innerhalb der eigenen Organisation entsteht eine gute Idee, bei der Recherche nach Fördergeldern findet sich eine Projektförderung, die voraussetzt, dass mehrere Partner:innen im Sozialraum ein gemeinsames Konzept einreichen.
Im positiven Fall finden konstruktive Vorgespräche statt, die Beteiligten bringen ihre jeweiligen Ressourcen ein, eine Steuerungsebene wird gebildet und ein kontinuierlicher Arbeitsprozess startet, der auch über das Projekt hinaus Früchte trägt.
Im negativen Fall finden sich Partner:innen, die jeweils nur den eigenen Vorteil erkennen, die praktische Umsetzung verläuft eher schleppend und das Ergebnis steht mehr auf dem Papier, als dass es in der Praxis gelebt wird.

2. Strategische Netzwerke mit langfristiger Zielsetzung

Ganz anders sieht es dagegen aus, wenn Netzwerke mit einer langfristigen und strategischen Ausrichtung geplant werden. Um zu wissen, wer im Sozialraum zu wem und zur Verfolgung welchen Zwecks passt, empfiehlt es sich, die Methode „Adlerblick“ einzusetzen und im wahrsten Sinn des Wortes „abzuheben“ und den Sozialraum aus der Vogelperspektive zu betrachten:

  • Wie gliedern sich Strukturen?
  • Wie sind soziale und wirtschaftliche Akteure miteinander verbunden?
  • Wo finden sich Ansprechpersonen in Politik und Verwaltung?
  • Welche Akteure sind im sozialen Bereich tätig?
  • Welche Ziele verfolgen diese?
  • Und wie werden sie finanziert?

Durch die Perspektive des Adlers ergeben sich oft ganz neue Möglichkeiten: Gehören neben den klassischen Bildungsakteuren auch Vereine, Initiativen oder die Kirchengemeinde dazu, lassen sich Kooperationsverbünde wesentlich breiter aufstellen und ermöglichen Einblicke in andere soziokulturelle Kreise.
Auch Akteure aus dem Bereich der Wirtschaft haben „soziale Anliegen“; entweder für die privaten Belange des eigenen Personals oder auch im Sinne eines gemeinwesenorientierten Marketings, das die lokale Zugehörigkeit in den Mittelpunkt stellt.
Eine häufige Fehlannahme besagt, dass Netzwerke nur mit dem Fokus auf die Begabungsförderung aufgebaut werden sollten. Doch gerade als Praktikerinnen wissen wir, dass Verbünde eine gute Basis brauchen. So kann der mittelständische Handwerksbetrieb eine ganz neue Bedeutung im Sozialraum erlangen, wenn er zum „Praxisort für Physik, Chemie oder Kommunikation“ wird und begabten Kindern und Jugendlichen Einblicke ermöglicht, die der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung stehen. Und vielleicht wächst daraus eine neue Kooperation, die auch dem Unternehmen Vorteile bringt.

Kooperationen setzen allerdings immer voraus, sich der eigenen Stärken bewusst zu sein und eine eigene Entwicklungsstrategie erarbeitet zu haben:

  • Wohin soll sich die Organisation weiterentwickeln?
  • Welche Rahmenbedingungen gilt es zu beachten?
  • Lassen sich diese verändern?
  • Welchen Mehrwert bringen Veränderungen?

3. „Das Grundrauschen“ – Netzwerken als Haltung

Nennen wir es einfach „das Grundrauschen“. Egal, wo sich Mitarbeitende innerhalb des Sozialraums aufhalten – als Privatperson oder „in Funktion“ – sie werden in der Öffentlichkeit als Teil ihrer Organisation wahrgenommen. Jede Begrüßung, jede Meinungsbekundung, ob analog oder digital, jedwede Präsenz oder auch Nicht-Präsenz bei Veranstaltungen wird von anderen bewusst oder unbewusst wahrgenommen und bildet in Gänze die Außenwirkung einer Einrichtung.

Bezogen auf das Thema Begabungsförderung sollte Netzwerken idealerweise als Haltung verstanden werden, die sich in der professionellen Offenheit der Mitarbeitenden zeigt. Diese ist als ein Teil einer „Visitenkarte“ der Institution zu verstehen und spielt eine nicht unerhebliche Rolle bei der Wahl von Netzwerkpartnern. Die Aspekte Wertschätzung, Ressourcenorientierung, Lösungsfokus, Eigenverantwortung und Bescheidenheit sind dabei sowohl Ausgangspunkt als auch Resultat der Professionalität. Wenn es gelingt, diese Grundhaltungen zu etablieren, beginnt in sozialen Systemen eine konstruktive Entwicklungsspirale. In einer Organisation, die konstruktive Kooperationsprozesse auch innerhalb ihrer Strukturen fördert, sollte das allen bewusst sein, wobei der Leitungsebene sicher eine höhere Verantwortung obliegt als der Ebene der Mitarbeitenden.

Bedeutung institutioneller Netzwerke

Drei Beispiele auf unterschiedlichen Ebenen mögen verdeutlichen, welche große Bedeutung institutionellen Netzwerken zukommt:

1. Familienzentrum KESS als lokaler Knotenpunkt des Wissens

In unserem Familienzentrum KESS sind alle für den Sozialraum wichtigen Funktionen innerhalb unserer Organisation – gerade auch über Netzwerkkontakte – angesiedelt: Zahlreiche Begegnungsangebote ermöglichen einen fußläufigen und niedrigschwelligen Kontakt, qualifizierte Beratungsangebote vor Ort im kommunalen Familien- und Bildungsbüro werden durch landkreisweite spezialisierte Angebote ergänzt und mit pädagogisch hochwertigen Betreuungsformaten verbunden.
So ermöglichen regelmäßige Fortbildungen des Teams „Familienbildung“ in der Diagnostik entwicklungsschneller Kinder und Jugendlicher eine frühzeitige Wahrnehmung besonderer Begabungen schon im Krippen- und Kindergartenalter. Auch beim Übergang in die Schule werden diese mit ihren Familien vom KESS-Beratungsteam begleitet. Als kommunales Integrationsbüro ist das KESS auch für die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und Behinderungen zuständig. Ebenso liegt der Fokus auf einem interessengesteuerten Lernen und der Entfaltung von Begabungen.
Die Netzwerke unseres Familienzentrums haben sich mittlerweile im internationalen Raum weiterentwickelt. Regelmäßige Studienreisen in andere europäische Länder und gemeinsame Fachtage zum Wissenstransfer erweiterten den Horizont – auch in Bezug auf die Begabungsförderung

2. Kommunale Präventionskette in Salzgitter – analog – digital – lokal

Gerade der Aufbau sogenannter Präventionsketten zeigt, wie Übergänge zwischen einzelnen Lebensphasen gezielt und damit auch begabungsgerecht gestaltet werden können. Diese benennen in jeder Lebensphase – beginnend mit der Schwangerschaft und endend mit dem Übergang ins Berufsleben –, welche Akteure wo tätig und wie miteinander vernetzt sind. Eine enge Kooperation zwischen den beiden kommunalen Fachbereichen – Kinder, Jugend/Familie und Schule/Bildung – ist gerade für entwicklungsschnelle Kinder und Jugendliche von großer Bedeutung, da Maßnahmen der Jugendhilfe häufig nicht mit Begabungsförderung in Zusammenhang gebracht werden.

Um während des Übergangs von einer Lebensphase zur anderen einen möglichen Informationsverlust zu vermeiden, wurde in der Stadt Salzgitter neben einer analogen Übergangsmappe eine digitale Familien-App entwickelt (seit dem 29. August 2024 online), die auf Basis von FAQs arbeitet. Aus der Perspektive der Zielgruppe heraus werden Informationen und weiterführende Kontakte vermittelt – es entsteht ein kommunales Wissensnetz: Mit einem Klick lässt sich ein Termin in der Beratungsstelle anfragen, außerschulische Bildungsangebote werden transparent dargestellt und Unterstützungsleistungen sichtbar.

3. Das BEB-E-Learning-Programm vernetzt Akteure bundesweit

Unter dem Titel „Bildungsbewegungen von Kindern und Jugendlichen begleiten“ haben die Autorinnen ein E-Learning-Programm entwickelt, das neben der Wissensvermittlung rund um das Thema Begabung ganz besonders den Sozialraum in den Fokus nimmt. Anhand der Metapher eines U-Bahn-Plans „erfahren“ die Nutzer:innen in den Zonen „Familie“, „Pädagoge“, „Organisation“ und „Gesellschaft“, welche Einflussfaktoren sich wie auf die Begabungsentfaltung auswirken und erhalten einen Einblick in das komplexe System der Begabungsförderung. Das Programm ist über die Seite des nifbe (Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung) erreichbar und wird von der Karg-Stiftung gefördert.

Fazit

Fest steht: Der Sozialraum hat einen umfassenden Einfluss auf die Entfaltung von Begabungen junger Menschen. Doch wenn wir in diesem Raum genau hinschauen und bewusst Wissensnetze knüpfen, die allen zugutekommen, dann können wir damit Bildungschancen gezielt beeinflussen. Das gilt insbesondere für Familien mit geringem Zugang zu Informationen und Entscheidern. Bildung braucht dabei den Beziehungskontext, und die Begleitung von Bildung muss langfristig angelegt sein. Dabei müssen auch Institutionen Verantwortung übernehmen, damit diese nicht in Einzelanstrengungen verbleibt, sondern zur gesamtgesellschaftlichen Aufgabe wird.

Eine persönliche Frage zum Schluss:
Was ist für Sie fair/Fairness?

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Fairness ist wie ein gut ausbalanciertes Segelboot auf dem weiten Meer. Es erfordert die richtige Menge an Wind, um voranzukommen, aber auch die Möglichkeit, die Segel zu setzen, um gerecht und aufrecht zu bleiben.

Simone Welzien
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Mit Fairness ist eine mögliche individuelle Ausgewogenheit aus Gerechtigkeit sowie Akzeptanz mit gutem Augenmaß, Anständigkeit und Gleichbehandlung verbunden. Dabei können diese vielen Faktoren Fairness allerdings auch zu einer Herausforderung werden lassen.

Angelina Haupt
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Was sagen Jugendliche dazu?

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Gerechtigkeit ist dehnbar. Jeder Mensch, unabhängig vom Alter, strebt nach Glück und Harmonie, jedoch fällt die Umsetzung aufgrund von Entscheidungen nicht hundertprozentig gerecht aus. Ungleichheit generell ist ungerecht. In diesem Zusammenhang ist es sehr bedauerlich, dass Kinder und Jugendliche beim Schulstart sowie -verlauf aufgrund unterschiedlicher (persönlicher) Rahmenbedingungen nur eine vermeintliche Chancengleichheit erleben.

Elias, 18 Jahre
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