Prävention von Underachievement: Der Faktor KI
Underachievement ist eine der wohl belastendsten Situationen, mit denen hochbegabte Kinder, ihre Eltern und Lehrkräfte konfrontiert sein können. Einer der wichtigsten Gelingensfaktoren dafür, dass sich hohe Begabung auch in guter schulischer Leistung zeigt, ist ein begabungsförderlicher Unterricht.
Warum erscheint es lohnend, sich in diesem Kontext mit KI zu befassen? Ideen zum Einsatz in Unterricht und Schule gibt es – fast ein Jahr nach Veröffentlichung der generativen Sprach-KI ChatGPT – in großer Zahl. Aber hat KI auch das Potenzial, Unterricht so mitzugestalten, dass eine Orientierung an besonderen Bedürfnissen Hochbegabter gelingt und dadurch das Risiko für Underachievement reduziert werden kann?
Wo sollen wir den Einsatz von KI unterbinden, wo KI dulden, wo sogar fördern? Mit diesen Fragen sind heute wohl alle Pädagog:innen konfrontiert. Und auch wenn zurecht ein breiter gesellschaftlicher Diskurs zu den Gefahren, Täuschungs- und Betrugsversuchen, bis hin zu Sorgen bezüglich Superintelligenzen eingesetzt hat: Aus der Sicht von Pädagog:innen kann KI zunächst Entlastung bedeuten sowie Chancen eröffnen für mehr Individualisierung, Differenzierung und im besten Fall für mehr Bildungsgerechtigkeit. Denn KI kann bei der Unterrichtsvorbereitung, bei der Anpassung von Texten an unterschiedliche Schwierigkeitsniveaus oder bei der Entwicklung von Förder- und Forder-Ideen unterstützen. Mit Bild-KIs wie Dall-E lassen sich zudem Bilder generieren und als stumme Impulse einsetzen. Der Schlüssel zum Erfolg sind dabei passgenaue „Prompts“, also zielführende Anweisungen an die KI. Je präziser Sie und Ihre Schüler:innen diese Prompts formulieren, desto hilfreicher können generative KIs wie ChatGPT in einem „hybriden Team“ aus Mensch und Maschine werden.
Laut dem Psychologen und Begabungsforscher Weinert 1 unterscheidet sich das Lernverhalten besonders Begabter in mehrfacher Hinsicht von dem anderer Lernender:
Diese Unterschiede haben für die Nutzung von KI-Tools grundlegende Implikationen: Ihre Lernbesonderheiten befähigen hochbegabte Kinder in besonderer Weise dazu, KI reflektiert und klug für ihre Zwecke zu nutzen und das Potenzial dieser kognitiven Werkzeuge voll auszuschöpfen. Zugleich befriedigt die Nutzung der Tools genau jene Bedürfnisse nach Geschwindigkeit, Komplexität, Selbststeuerung und Kreativität. Und drittens werden im Nutzungsprozess selbst auch genau diese analytischen, kreativen und metakognitiven Stärken weiter ausgebaut und gefördert.
Die folgende Grafik veranschaulicht diese Zusammenhänge:
Die Lernbesonderheiten können zugleich aber auch Risikofaktoren für hochbegabte Schüler:innen werden. Während viele Hochbegabte beispielsweise metakognitiv stark sind, können (noch) fehlende metakognitive Kompetenzen ein Risiko für die Entwicklung von Underachievement sein. Hier profitieren Schüler:innen von KI-basierter Unterstützung.
Wie könnten Sie als Pädagog:innen die genannten fünf Lernbesonderheiten Ihrer Schüler:innen stärker in den Blick nehmen? Und wie könnte Sie der Einsatz von KI in der Folge bei der begabungsförderlichen Unterrichtsgestaltung unterstützen?
Hochbegabte lernen schneller! Wir beobachten, dass sie daher ein großes Bedürfnis nach mehr und vielfältigerem Input verspüren.
KI kann Schüler:innen dabei unterstützen, ihr Wissen interessengeleitet zu vertiefen.
Hochbegabte beherrschen in aller Regel das Denken auf verschiedenen Ebenen sowie die Selbststeuerung ihrer Lernprozesse.
Hochbegabte haben in der Regel ein intelligent organisiertes und zwischen Domänen vernetztes Wissen, welches sie flexibel aktivieren können.
Viele Kinder mit hoher intellektueller Begabung können aufgrund ihrer kreativen Fähigkeiten originelle und wertvolle Wege bei Problemlösungen und bei der Anwendung von neu Gelerntem gehen.
Bei der Nutzung von KI gilt es, einen Mittelweg zu finden zwischen blindem Vertrauen und völliger Ablehnung der neuen Technologie. Sie entscheiden, ob und welche KI-Tools im Unterricht oder zu Hause eingesetzt werden dürfen. Auch der kompetente Umgang mit sensiblen Daten gehört dazu. KI-Tools wie ChatGPT sind dabei keine Selbstläufer. Auch hochbegabte Kinder brauchen hier Ihre Anleitung und Ermutigung, um Zutrauen in ihre Fähigkeiten zu entwickeln und Mut zu fassen, ihre individuellen Lernwege mit der KI zu gehen. Wir mögen verleitet sein, gerade besonders begabte Kinder mit den neuen Tools allein zu lassen. Doch werden ihre Lernerfahrungen mit KI auch wertschätzend wahrgenommen und begleitet, birgt dies eine große Chance. Gerade bei Enrichment-Projekten sind der Rückbezug in den Unterricht und auch ein authentisches Interesse der Lehrkraft wichtig, um ins Gespräch zu kommen und zu bleiben.
KI kann eine Ergänzung zu Ihrem professionellen Lehransatz werden. Gelingt mit KI-Hilfe ein begabungsförderliches Lehren und Lernen, so ist zugleich ein großer Schritt in Richtung Prävention von Underachievement getan.