Grundlagen beraterischer Gesprächsführung
Bei der Beratung durch Lehrpersonen in der Schule muss zwischen verschiedenen Arten von Beratungsaufgaben unterschieden werden. Da sind zunächst (a) die alltäglichen Beratungsaufgaben, mit denen Lehrer:innen rund um die Unterrichtszeit herum konfrontiert sind und die häufig als Tür-und-Angel-Gespräche ohne feste Struktur und Planbarkeit stattfinden. Beratung gehört zu den (auch in den KMK Standards für die Lehrerbildung verorteten) Kernkompetenzen von Lehrpersonen 1. Die vielen verschiedenen Beratungsanlässe und -bedarfe werden mittlerweile auch in Ausbildungsinhalten und schulischen Beratungskonzepten berücksichtigt – auch, um eine qualitative Abgrenzung von oben genannten ad-hoc-Beratungssituationen zu schaffen. Die zweite Kategorie sind daher (b) die geplanten Beratungsgespräche, die durch Lehrpersonen, öfter aber durch speziell ausgebildete Beratungslehrkräfte, durchgeführt werden, oder aber durch schulpsychologische Ansprechpartner:innen, über die jede deutsche Schule verfügt – wenn auch in sehr individueller, bundeslandspezifischer personeller Ausstattung 2. Besonders im erstgenannten Bereich (a) ist es kaum möglich, eine systematische Gesprächsführung entlang empfohlener Parameter in jeder Situation zu realisieren. Wohl aber kann auch in diesen Situationen die Aneignung und der Einsatz systemischer Frageformate zu wertschätzender – wenn auch recht komprimierter – Interaktion führen.
Jedoch gibt es auch häufig genug Beratungsanlässe, die einen offizielleren Rahmen benötigen und die sich deutlich von einer Tür-und-Angel-Beratung abgrenzen. Damit solche Beratungen erfolgreich ablaufen, gibt es an vielen Schulen Beratungskonzepte. Diese legen fest – auch auf der Basis von geregelten verwaltungsrechtlichen Rahmenbedingungen –, wer berät, wer beraten werden kann, für welche Anlässe die Beratung gedacht ist und wie die Beratung durchzuführen ist. Es kann daraus im besten Fall ein Beratungsnetzwerk ersichtlich werden, das alle Akteur:innen in diesem Bereich transparent macht, das für Ratsuchende schnell zu überblicken ist und dessen Entstehung häufig auch Teil eines größeren Schulentwicklungsprozesses sein kann 3. Teil dieses Beratungskonzeptes ist auch die Zusatzausbildung von Lehrkräften mit Beratungsfunktion. Mandatierte Beratungslehrkräfte an Schulen erhalten daher notwendige Qualifikationen, die in länderspezifischen Erlässen geregelt sind und in welchen auch Gesprächsführungskompetenzen vermittelt werden. Dies ist vor allem sinnvoll, weil erste beraterische Gespräche so auch niedrigschwellig und unabhängig vom schulpsychologischen Dienst stattfinden können.
Berater:innen des schulpsychologischen Dienstes können zusätzlich in unterschiedlichen Beratungskontexten sowie teilweise bei Schulentwicklungsprozessen unterstützen. Eine multiprofessionelle Zusammenarbeit kann dabei einer begabungsförderlichen Schul- und Beratungskultur zugutekommen.
Eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiche Beratungsgespräche ist die Auftragsklärung und die damit verbundene Zielorientierung. Diese wird beispielsweise in der Kommunikation über die Vorstellungen des Gespräches verdeutlicht, die zu Beginn eines Beratungsprozesses stattfinden sollte. Die anfängliche Auftragsklärung ist zentral, damit beide Parteien wissen, worauf sie sich einlassen und was das gemeinsame Ziel ist. Die Auftragsklärung ist besonders in der systemischen Beratungskultur elementarer Bestandteil des Prozesses. Die Inhalte dieser können somit zusammengefasst werden als (1) die Definition der Zielsetzung, (2) die gegenseitige Kommunikation der Erwartungen an die Beratung und (3) gegebenenfalls eine Absprache über den erwarteten Umfang der Beratungssequenz(en) 4. In diesen Klärungsprozess müssen auch die formalen Voraussetzungen einer Beratung einfließen. So braucht es etwa das Einverständnis der Sorgeberechtigten, beziehungsweise deren Einbezug, damit eine Beratung von Schüler:innen überhaupt offiziell möglich ist.
Nach der Klärung des formalen Rahmens der Beratung gibt es noch weitere Gelingensbedingungen, an die eine erfolgreiche Beratungssituation geknüpft ist. Besonders wenn es um die Beratung von Schüler:innen geht, ist die Beziehung zwischen beratender Person und ratsuchender Person ausschlaggebend für ein konstruktives Gesprächssetting. Voraussetzung dafür ist eine wertschätzende und empathische Haltung. Bevor es also um die eigentlichen Techniken der Gesprächsführung geht, sollten bestimmte Bedingungen vorherrschen, die als Grundlage der beraterischen Gesprächsführung in der Schule verstanden werden können. Diese werden nach Hellwig (2017), welche sich dabei auf Carl Rogers bezieht, aufgeführt 5.
Damit also konkrete Gesprächstechniken und Frageformate bei dem/der Ratsuchenden als hilfreich wahrgenommen werden, sind es diese sechs Faktoren, die zunächst auf der Beziehungsebene ausschlaggebend für die gelingende und sich gegebenenfalls wiederholende Beratung sind. Zentral im personzentrierten Beratungsansatz nach Rogers ist die Wahrnehmung der Person – und nicht des Falls. Ebenso zentral ist, dass diese Wahrnehmung (durch die aufgeführten Bedingungen) auch für das Gegenüber spürbar transportiert wird 5.
Im schulischen Umfeld bietet es sich besonders an, mit dem systemischen Beratungsansatz zu arbeiten. In der systemischen Beratungskultur versteht man den Menschen (den/die Ratsuchende/n) selbst als System mit individueller Umwelt, die ihn beeinflusst und die er beeinflussen kann. Um Lösungen zu erarbeiten, werden daher ebenso äußere Einflussbereiche wie Familie, Institutionen oder die Gesellschaft berücksichtigt wie auch der Kontext dieser Zusammenhänge, die zu der Beratungssituation geführt haben: „Systemische Beratung und Therapie zeichnen sich durch die Grundhaltung aus, Systeme und Subsysteme mitzudenken und im Zusammenhang von Beziehungen, Kommunikation und Verhalten neue Sichtweisen zu entdecken, die zu Lösungen führen“ 6.
Da die Schule selbst als sozialer Lern- und Lebensraum angesehen werden kann, ist die Beratung von Einzelpersonen (Schüler:innen, Lehrpersonen oder Eltern) auch immer im Zusammenhang mit diesem System und seinen Eigenheiten zu betrachten. Aus den genannten Grundlagen des systemischen Ansatzes werden Beratungsgespräche deshalb häufig unter Einbindung mehrerer Akteur:innen (die mit zum System der/des Ratsuchenden gehören) geführt. Sinnvoll können daher etwa gemeinsame Gespräche mit Eltern und Kind, Kind und Lehrperson, Eltern und Lehrperson oder auch allen drei Parteien (Eltern – Kind – Lehrperson) sein.
Im systemischen Ansatz wird davon ausgegangen, dass mit den richtigen Gesprächs- und Fragetechniken seitens der beratenden Person die zu Beratenden selbst die Lösungen erarbeiten können. Für diesen Ansatz wird eine klare systemische Haltung und das Beherrschen bestimmter Gesprächstechniken seitens der beratenden Person benötigt, sonst besteht die Gefahr, dass die Beratung willkürlich erscheint 5.
Einige Techniken der Gesprächsführung in Beratungssituationen sollen nun aufgeführt werden, um die dahinterliegende Haltung besser zu verdeutlichen und die ressourcenorientierte Vorgehensweise zu skizzieren. Solche Techniken sollten bestenfalls in einem professionellen Aus- und Fortbildungskontext erlernt werden. Eine durchgängige strukturelle Verankerung in der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften ist allerdings derzeit noch nicht gegeben.
Wenn beispielsweise eine Beratung aufgrund einer akuten Konfliktsituation stattfindet, ist es wichtig, dass sich die beratende Lehrperson auf das Gespräch einlassen kann, ohne, dass der Konflikt im Mittelpunkt steht und die Beziehung gefährdet. Hierzu kann man versuchen, störendes Verhalten in Beratungssituationen in einen anderen Rahmen zu setzen: „Diese als ‚Reframing‘ […] bezeichnete Technik fußt auf der Annahme, dass in jedem Verhalten – auch in dem negativ zu bewertenden – eine positive Absicht verborgen liegt, ein durchaus anerkennenswertes Ziel, das jedoch mit den falschen Mitteln zu erreichen gesucht wird. […] Wertschätzung bedeutet nicht, Fehlverhalten zu entschuldigen oder gut zu heißen. Es bedeutet vielmehr, das Verhalten einer Person in einem anderen Rahmen zu verstehen, um auf dieser Grundlage Lösungen für Veränderungen zu finden“ 7. Mit dieser Methode gelingt es auf Dauer besser, Neutralität zu üben und bestimmtes Verhalten nicht direkt zu bewerten – egal in welche Richtung. Das Bewusstsein darüber, dass etwa Handlungen von Schüler:innen unterschiedlich bewertet werden können, wird durch die veränderte Sichtweise geschult.
Vertiefende Erläuterungen zum Reframing 8 sowie konkrete Fallbeispiele finden sich im Buch „Ressourcenorientierte Hochbegabtenberatung“ von Arnold und Großgasteiger 9.
Zirkuläre Fragen sind ein Kernelement systemischer Beratung, sie basieren auf der Annahme, dass Verhaltensweisen wechselseitig mit Kontextbedingungen zusammenhängen. Deshalb wird eine dritte Person dem kommunikativen Prozess hinzugefügt. Ein Beispiel für solche Fragen ist:
„Was denkst du, könnte deine Lehrerin fühlen, wenn sie merkt, dass du dich im Unterricht ständig langweilst?“
Damit diese Fragen zielführend sind, bedarf es einer geschulten beratenden Person sowie dem wohlgewählten Einsatz der Fragen, da ihre Komplexität auch zu Überforderung seitens der zu beratenden Person führen kann 10.
Gedanken in abstrakte Bilder zu verpacken, um sie so besser greifen zu können, ist eine weitere Technik der systemischen Beratung. Ziel ist es, durch Abstraktion neue Impulse zu setzen, die anschließend in der Realität kreativ konkretisiert werden können. Der/die Beratende kann also beispielsweise eine Problemlage als Metapher schildern, wie etwa ein hoher Berg, der bezwungen werden muss. Gemeinsam kann dann überlegt werden, welche Ausrüstung es dazu brauchen würde. Auch das Bild eines zu überwindenden Grabens kann genutzt werden, damit auf abstrakter Ebene überlegt werden kann, welche Art von Brücke gebaut werden müsste, damit sich etwa zwei zerstrittene Personen wieder annähern könnten.
Das hat den Vorteil, dass die Phantasie des/der zu Beratenden angeregt wird oder sogar Hobbys aufgegriffen werden können, an denen bildhaft Lösungsstrategien erarbeitet werden können, die einen echten Lebensweltbezug aufweisen. Auch diese Technik sollte nur in passenden Situationen und eher sparsam eingesetzt werden, da je nach Vorstellungskraft einige Bilder auch irritierend wirken können. Die beratende Person sollte außerdem darauf achten, dass die Bilder irgendwann wieder in die Lebenswirklichkeit übersetzt werden 10.
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Schulentwicklungsmaßnahmen können systemische Lösungsansätze bieten, die verhindern, dass bestimmte Probleme mit fataler Regelmäßigkeit erneut auftreten und begabten Kindern das Lernen unnötig erschweren oder ihnen generell die Lernfreude nehmen.
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Es gibt verschiedene Problemstellungen, mit denen sich besonders begabte Schüler:innen konfrontiert sehen können. Dazu zählt zum Beispiel die soziale Ausgrenzung von besonders leistungsstarken und anstrengungsbereiten Schüler:innen. „Systemische Lösungsansätze für diese Problematik könnten darin bestehen, die übliche Bewertungspraxis einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Beispielsweise wäre zu überprüfen, welche Unterrichts- und Übungssituationen sich für individuelle Bewertungssysteme eignen oder wie die summative Leistungsbewertung am Ende des Lernprozesses durch kleinschrittigere, auf den Lernprozess bezogene Rückmeldungen ergänzt werden könnte“ 12. Je nachdem, welchen Stellenwert die Begabtenförderung in einer Schule innehat, können in Zusammenarbeit innerschulischer Beratung und außerschulischer (schulpsychologischer) Unterstützung, Konzepte zur Binnendifferenzierung und zur Schulentwicklung eingeführt werden. Dies funktioniert nur, wenn auch bereits in der Schule eine Offenheit für Veränderung – ebenfalls eine Voraussetzung für Beratungsgespräche – vorhanden ist. [/
Auch in der Begabtenberatung können systemische Ansätze der Beratungspraxis besonders gewinnbringend sein. Manchmal ist die Beratung besonders begabter Kinder und Jugendlicher innerhalb der Schule und mit Beratungslehrkräften der erste Schritt, bevor bei Bedarf weiterführende Angebote von Beratungsstellen in Anspruch genommen werden. Besonders, wenn – wie in oben genanntem Beispiel – der Impuls zur Beratung von einer Lehrperson aufgrund eines konfliktbehafteten Miteinanders ausgeht, können gut ausgebildete Beratungslehrkräfte in der Schule auch in der Begabtenberatung wertvolle Orientierung liefern, sowohl für die Schülerin oder den Schüler als auch für die Lehrperson. Wenn eine (Hoch-)Begabung noch nicht bekannt ist, kann die Beraterin / der Berater mit den richtigen Fragen womöglich erste Ansatzpunkte für eine etwaige weiterführende Diagnostik liefern, beziehungsweise nach einem Beratungsgespräch mit der Schülerin / dem Schüler die Notwendigkeit einer solchen Diagnostikbesser beurteilen. Anderenfalls kann die beratende Person ebenfalls bei Überlegungen bezüglich individueller Fördermaßnahmen oder dem gegenseitigen Umgang miteinander zur Seite stehen.
Besondere Begabungen können sich in unterschiedlichen Bereichen zeigen. Eine Beratungssituation stellt erst einmal eine künstliche Gesprächsumgebung dar. In einer solchen Situation kann eine sensible und aufmerksame Beraterin oder ein Berater erkennen, ob die Schülerin/der Schüler beispielsweise besonders geschickte Fragen stellt, verwendete Metaphern auszuschmücken vermag oder aber auf bestimmte Frageformate offen, kreativ oder zurückhaltend reagiert. In größerem Zusammenhang kann auch ein Schulentwicklungsprozess zu einer begabungsförderlichen Schulkultur führen. Die Zusammenarbeit mit Schulpsycholog:innen kann dabei von Vorteil sein, da die Schulpsychologie „die Möglichkeiten und Grenzen schulischer Einflussnahme vor dem Hintergrund bildungspolitischer Vorgaben und spezifischer regionaler Strukturen [kennt]. Sie kann durch ihr breites Erfahrungswissen systemische Schwachstellen identifizieren, Veränderungspotenziale aufzeigen und bei der Suche nach neuen Lösungswegen helfen“ 12.
Im kleineren Rahmen (schulintern) kann auch durch Beratungsangebote ein Konzept zur individuellen Lernbegleitung entworfen werden, von dem besonders begabte Schüler:innen profitieren: Sie kommunizieren regelmäßig mit ihrer Lehrkraft über gegenseitige Ziele und verabreden individuelle Wege, um diese Ziele zu erreichen. So kann Frustrationen bezüglich gegenseitiger Erwartungen besser vorgebeugt werden, da Arbeitstechniken, wo es geht, personenspezifisch angepasst werden. Eine gute Beratung kann dazu beitragen, dass diese Vorgehensweise für beide Seiten produktiv initiiert und begleitet werden kann.
Prinzipiell sollte die Beratung besonders begabter Schüler:innen „dem Zweck dienen, persönliche Krisen besser bewältigen zu können oder sie gar zu verhindern“ 13. Das letztendliche Ziel einer begabungsfreundlichen Beratungskultur an einer Schule kann nur durch die richtigen Techniken der Gesprächsführung, aber vor allem durch die dahinterliegende Haltung erreicht werden, die auch bei konfliktbehafteten Beratungssituationen Begabungen zu erwarten vermag.