Individuelle Leistungsrückmeldung im Kontext von Begabungsförderung
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Ob du glaubst, du kannst es, oder es nicht glaubst – du hast recht. 1
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Wird davon ausgegangen, dass an diesem Zitat von Henry Ford etwas Wahres dran ist, kommt der Feedbackkultur im Schulalltag eine bedeutende Rolle zu. Gestützt wird das Zitat durch Studienergebnisse, die zeigen, dass eine ernst gemeinte, wertschätzende und persönlich adressierte Rückmeldung zu mehr Lern- und Leistungsmotivation bei den Schüler:innen führen kann 2, 3. Durch eine solche Rückmeldung können die Schüler:innen ihre Leistungen und Erfolge besser wahrnehmen. Sie erleben sich als selbstkompetent und entwickeln die Gewissheit, selbstwirksam zu sein 4.
Der folgende Text geht zunächst darauf ein, dass Leistung sozial konstruiert ist. Es wird dann der Frage nachgegangen, wie Leistungsrückmeldung im Kontext von Begabungs- und Begabtenförderung gestaltet sein kann und welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit sie wirksam wird.
Was als Leistung aufgefasst und bewertet wird, ist von vielen Faktoren abhängig, wie dem Betrachter bzw. der Betrachterin selbst, der Situation und auch der Gesellschaft, in der die Leistungserbringung stattfindet. Die Fähigkeit, eine ganze Klasse mit Witzen zu entertainen, kann beispielsweise von der einen Lehrkraft als große Kompetenz wahrgenommen werden, von einer anderen aber eher als sehr störend betrachtet und daher möglicherweise als Defizit deklariert werden. Auch der Zeitpunkt spielt bei der Beurteilung der Fähigkeit eine Rolle: In den Unterrichtspausen wird das Witzeerzählen wahrscheinlich eher als Stärke wertgeschätzt als während des Unterrichts, wenn dadurch der Ablauf gestört wird. Leistung wird folglich ganz unterschiedlich bewertet und definiert. Sie stellt ein Konstrukt dar: Leistung wird in der Interaktion zwischen Schüler:innen und Lehrer:innen durch die Leistungsrückmeldung sozial konstruiert. Dabei können auch Beobachtungs- und Beurteilungsfehler zum Tragen kommen, die zu einer sozial ungerechten oder fachlich unangemessenen Leistungsbeurteilung führen können 5.
Eine weitere Herausforderung bei der Bestimmung dessen, was Leistung ist, liegt darin, dass diese vor dem Hintergrund bewertet werden müsste, welche Fähigkeiten in der Zukunft wichtig sind. Leistung in einer sich wandelnden, globalen und digitalen Gesellschaft sollte dann über leicht abrufbares Faktenwissen hinausgehen. Laut Müller-Oppliger umfasst sie zusätzlich „personale Fähigkeiten und Einstellungen (Leistung erbringen können und wollen), soziale Kompetenzen (mit anderen zusammen Probleme lösen und etwas bewirken können) sowie methodische und strategische Fähigkeiten (wissen, wie Aufgaben in bestimmten Situationen gelöst werden können)“ 6. Rückmeldung zu Selbstkompetenzen wie z. B. Anstrengungsbereitschaft, Selbstmotivation, Selbstvertrauen spielen damit auch in der Begabungsförderung eine Rolle. Damit „[…] ein Kind, ein Jugendlicher seine Begabungen für sich erkennen, entwickeln und später auch für die Gesellschaft nutzbar machen kann“ 9 braucht es ein umfassendes ganzheitliches Bildes der Schüler:innen 7 und eine entsprechende personorientierte Rückmeldung an diese 8. Aufgrund dieser dargestellten Herausforderungen kann die Frage gestellt werden, wozu es überhaupt eine Bewertung der Leistung in Form von Notengebung durch die Lehrkraft braucht.
Die Bewertung von Leistung hat im schulischen Kontext verschiedene Funktionen. Sie dient unter anderem der Selektion, der Zuschreibung zu Schulformen oder der Zulassung zu einer Ausbildung 10. Insbesondere die Bewertung in Form von Noten „als Entscheidungsgrundlage für Auslese und Berechtigung“ 11 wird häufig kritisiert. Leistungsbewertung kann aber auch als Grundlage für pädagogische Entscheidungen zur weiteren Förderung und Begleitung des Lernprozesses genutzt werden. Eine Beurteilung der Lernstände und Fähigkeiten kann dazu dienen, Anknüpfungspunkte für weitere Lernfortschritte zu ermitteln und somit als Planungsgrundlage für den weiteren Unterricht genutzt werden, um eine individuelle Förderung für alle Lernenden zu gewährleisten und Unter- oder Überforderung zu vermeiden 4. Damit kommt ihr auch im Zusammenhang mit Begabungsförderung eine wichtige Funktion zu.
Wird Leistungsbewertung als Grundlage für pädagogische Entscheidungen genutzt, spielt neben der sozialen und kriterialen Bezugsnorm vor allem die individuelle Bezugsnorm eine entscheidende Rolle. Sie bietet dann einen guten Anknüpfungspunkt, wenn „man Leistungsbewertung unter dem Aspekt der Heterogenität der Lernenden und mit dem Anspruch der Einzelnen auf individuelle Förderung in ihrer jeweiligen „Zone nächster Entwicklung“ (Vygotsky 1978, zitiert nach 12) [betrachtet]“. So gesehen ist die Individualnorm auch eine Bezugsnorm der Begabungs- und Begabtenförderung, da sie individuelle Anknüpfungspunkte für Leistungen bietet, die per definitionem, im Sinne von Hochbegabung, bereits über die Sozialnorm hinausgehen kann (Sternberg 2011, zitiert nach 13).
Dient Leistungsbewertung dazu, den Lernprozess zu verbessern und die weitere Entwicklung (der Begabungen) unterstützen zu wollen, kann sie auch die Funktion der Lernberatung und/oder des Lerncoachings einnehmen und Schüler:innen dabei helfen, ihre eigene Leistung einzuschätzen und zu (be-)werten. Diese Partizipation an der Gestaltung der eigenen Lernprozesse kann dazu beitragen, die eigenen Begabungen und weitere Ressourcen, die zur Begabungsentfaltung wichtig sind, zu kennen, um sie ggf. bewusst einsetzen zu können. Damit die Schüler:innen darin unterstützt werden, ihren eigenen Lernprozess einzuschätzen und zu reflektieren, bedarf es einer Leistungsrückmeldung, die die Lernziele benennt (Feedup), den Schüler:innen aufzeigt, was sie bislang erreicht haben (Feedback) und weitere Schritte zur Verbesserung der Lern- und Leistungsprozesse hinweist (Feedforward) 14.
Dabei ist es vor allem im Zusammenhang von Begabtenförderung wichtig, nicht ausschließlich das Produkt, sondern auch den Lernprozess bei der Bewertung miteinzubeziehen. Denn hochbegabte Schüler:innen haben teilweise ganz eigene Denkstrategien, die zu einem vermeintlich „falschen“ Ergebnis führen. Wird eine Begründung für das Ergebnis angeführt, zeigen sich häufiger sehr komplexe Denkmuster. Insbesondere im Kontext eines individualisierten Unterrichts, in dem die Schüler:innen an unterschiedlichen Aufgaben mit unterschiedlichen Zielen und auf unterschiedlichen Lernwegen arbeiten können, ist eine individualisierte prozessorientierte Leistungsbewertung notwendig. Bei der Auswahl der Instrumente zur Leistungsbewertung sollte die Perspektive der Kinder und Jugendlichen mitbedacht werden, aber auch die Rahmenbedingungen an der Schule und die Situationen im Kollegium und ganz besonders die Präferenz der Lehrkraft. Die Lehrkraft ist es letztlich, die mit dem Instrument arbeiten soll, möglichst Informationen und Anregungen für die Förderung gewinnen und den Schüler:innen in geeigneter Weise eine Rückmeldung über Leistungsstand, Leistungspotenzial und mögliche Lernansätze geben soll. Dies gelingt nur dann, wenn sie sich mit dem verwendeten Instrument wohlfühlt und identifizieren kann.
Im Vertiefungsteil zu diesem Artikel werden ausgewählte Instrumente zur Leistungserhebung und Rückmeldung anhand von Steckbriefen vorgestellt (s. Kasten „Zur Vertiefung“ unten).
Leistungsrückmeldungen unterstützen dann die Begabungsentwicklung der Kinder, wenn sie sich an den individuellen Begabungen der Kinder orientieren, wenn sie wertschätzend sind, die Schüler:innen in die Leistungsrückmeldung aktiv einbeziehen und zur Selbstreflexion der Leistung anregen, sowie ein Feedup, Feedback und Feedforward geben. Zudem lässt sich festhalten, dass ein Einbeziehen unterschiedlicher Perspektiven mehr und validere Informationen liefert 7. Darüber hinaus ist ein hohes Maß an Transparenz über die Bewertungskriterien sehr wichtig. Sie ermöglicht es den Schüler:innen sowie den Eltern, die Leistungsbeurteilung nachzuvollziehen. Dies führt zu einer höheren Akzeptanz der individuellen Leistungsbeurteilung sowohl bei den Schüler:innen und den Eltern als auch innerhalb des Kollegiums 9.