Auf der Suche nach dem versteckten Potenzial
Hochbegabte oder besonders begabte Kinder und Jugendliche, die ihr kognitives Potenzial nicht in dementsprechende Leistung umsetzen können, begegnen bei ihren Eltern oder Lehrpersonen häufig der Annahme, dass sich hinter ihrer fehlenden Performanz Faulheit verberge. Dies hängt einerseits damit zusammen, dass sich bei den Kindern und Jugendlichen eine diffuse Mischung von Verhaltensweisen zeigen kann, die sich nicht eindeutig einer Ursache, einem Auslöser, einer körperlichen, psychosomatischen oder psychischen Auffälligkeit zuordnen lässt. Andererseits auch mit der Annahme, dass sich ein hohes kognitives Potenzial doch irgendwie (wieder) zeigen muss – ist dies nicht der Fall, kann es doch, überspitzt formuliert, nur daran liegen, dass das Kind bzw. der/die Jugendliche nicht will und sich verweigert. Besonders häufig ist diese Sichtweise anzutreffen je älter die Kinder/Jugendlichen werden. Waren sie bis zum Eintritt in die Mittelstufe des Gymnasiums (sehr) erfolgreiche Schüler:innen und zeigen dann schwächere Leistungen, wird schnell die Pubertät als Grund und Erklärung für die Veränderungen herangezogen.
Wie zuvor beschrieben, gibt es nicht exakt fünf Merkmale anhand derer sich das Underachievement bei eine:r Schüler:in zeigt. Es sind vielfältige Varianten, die auf den ersten Blick im Unterricht, in der Schule und zu Hause beobachtet werden können. Die Ausprägung der einzelnen Verhaltensweisen ist je nach Kind, Beziehung zu Lehrpersonen oder in der Familie, Situation und Kontext individuell unterschiedlich:
Darüber hinaus lassen sich Auffälligkeiten spezifisch in der Schule oder zu Hause beobachten.
Wichtig ist an dieser Stelle noch einmal zu betonen, dass diese aufgeführten Merkmale nicht alleine ausreichen, um ein Underachievement zu vermuten oder zu erkennen. Dazu sind die versteckten Hinweise auf eine (Hoch-)Begabung notwendig, die die Kinder und Jugendlichen in einzelnen Momenten oder anderen Kontexten zeigen oder bereits gezeigt haben. Diese Hinweise können folgende sein:
Grundsätzlich lässt sich eine Hochbegabung per Definition nur mittels einer psychologischen Intelligenztestung ermitteln 7. Liegt also ein aktuelles Gutachten eines Psychologin / eines Psychologen vor, das Auskunft über die hohen kognitiven Fähigkeiten der Schülerin / des Schülers gibt, ist die Bestätigung für das hohe Potenzial vorhanden. Dann gilt es, sich den Fragen der Problemlösung zu widmen, wie die Situation so verändert und die Schülerin / der Schüler, die Familie, die Lehrpersonen so begleitet werden können, dass sich die Gesamtsituation positiv wendet. Wichtig ist dabei, dass das Gutachten möglichst aktuell ist und nicht zu lange zurückliegt.
Liegt eine Intelligenzmessung vor, in der der Gesamt-IQ-Wert des Kindes/Jugendlichen zwischen 115 und 129 liegt, ist es empfehlenswert eine:n Expert:in hinzuziehen, um das Intelligenzprofil genauer zu verstehen. Es kann sein, dass sich die Verhaltensweisen des Kindes/Jugendlichen u. a. auch aufgrund sehr ausgeprägter, individueller kognitiver Stärken oder Schwächen erklären lassen.
Die größte Herausforderung für Lehrpersonen ist die Situation, dass ein:e Schüler:in ihre Klasse besucht, die/der die oben beschriebenen negativen Verhaltensweisen zeigt, die Hinweise auf die Begabung sehr versteckt sind und für die Lehrerin, den Lehrer selbst nicht zu sehen sind. Ihr/ihm werden von Eltern oder anderen Kolleg:innen gegenteilige Verhaltensweisen geschildert, die er/sie sich selbst nur sehr schwer vorstellen kann. Erschwert wird diese Situation, wenn zu den Schilderungen noch Vorwürfe oder Unterstellungen hinzukommen, dass die Stärken der Schülerin oder des Schülers nicht gesehen werden wollen, dass kein Interesse an der Begabtenförderung oder der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes oder Jugendlichen besteht. Spitzt sich diese Lage zu, verstärkt sich der Konflikt zu einem Machtspiel, unter dem alle Beteiligten leiden und sich die Situation für die/den Schüler:in ausschließlich verschlechtert.
Um dies zu verhindern, ist es sehr hilfreich, sich auf den Erkennungsprozess und die Suche nach den versteckten Potenzialen einzulassen. Im Folgenden werden zunächst kurz Grundinformationen zum Underachievement und zur Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen zusammengefasst.
Macht man sich diese Grundvoraussetzungen bewusst, fällt es leichter, hinter die Fassade der negativen Verhaltensweisen und scheinbarer Faulheit zu blicken und sich die Frage zu stellen, warum sich die Schülerin oder der Schüler in dieser Situation dazu entscheidet so handeln zu müssen, dass es aus ihrer/seiner Perspektive sinnvoll ist.
Wie kann es gelingen, das Potenzial einer Schülerin, eines Schülers, der/dem es aktuell nicht gelingt, dieses in Leistung umzusetzen, dennoch zu erkennen? Selbst wenn das Ergebnis einer psychologischen Diagnostik vorliegt, aus der ein sehr hoher IQ abzuleiten ist, ist es nicht selten so, dass dieses angezweifelt wird, wenn der Blick auf das Potenzial verstellt ist.
Die im Folgenden aufgeführten Strategien können sowohl beim Erkenntnisgewinn als auch bei der Lösungssuche sehr hilfreich sein, denn sie führen alle zu einer positiven Beziehung zwischen Lehrer:in und Schüler:in. Zunächst richtet sich der Blick auf die eigene Person, die eigene Haltung. Erst nach einer Selbstreflexion ist ein offener Blick auf die Schülerin, den Schüler möglich. Danach gestaltet sich die Spurensuche einfacher, es erschließen sich neue Quellen und neue Informationen. Damit wird die Basis gelegt für eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit den Eltern und das echte Interesse an der/dem Schüler:in ist wirklich authentisch.
Der erste Schritt beginnt als Lehrer:in idealerweise bei der eigenen Person, die eigene Reflexion. Folgende Leitfragen können den Reflexionsprozess unterstützen:
Manchmal ist der Blick auf das eigene Verhalten so verstellt, dass es hilfreich sein kann, sich mit einer vertrauten Kollegin oder einem vertrauten Kollegen offen auszutauschen, in einem kollegialen Reflexionsgespräch, einer kleinen Intervision.
Eine weitere Unterstützung kann dabei auch die kollegiale Hospitation sein. Auch wenn die Ressourcen knapp sind, kann es sehr lohnenswert sein, diese in eine kurze Hospitation zu investieren. Das Feedback und die gemeinsame Reflexion können für die eigene Arbeit und die Veränderungsprozesse sehr hilfreich sein.
Der nächste Schritt, um klar und weit zu sehen, ist es die Sicht umzukehren und eine Positivliste anzulegen, die nicht nur den eigenen Unterricht betrifft, sondern den gesamten Kontext Schule.
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Unter dem Blickwinkel ihrer eigenen Potenziale sind [die Kinder und] und Jugendlichen motiviert und ermutigt sich z. B. mit ihren Ängsten, Unsicherheiten, familiären oder schulischen Konflikten sowie ihrer eigenen Identitätsentwicklung auseinanderzusetzen.
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Wie oben beschrieben, kann der Zeitraum, in dem die Schülerin oder der Schüler ihre / seine Stärken gezeigt hat, etwas länger zurückliegen oder in einem Kontext geschehen, der für Lehrpersonen schwer zugänglich ist. Daher ist es hilfreich so viele Informationen wie möglich zu sammeln:
In einigen Fällen ist die Beziehung zwischen Schule im Allgemeinen oder den Klasssenlehrer:innen und den Eltern angespannt bis herausfordernd. Dennoch ist es für die nachhaltigen Veränderungsprozesse notwendig, dass alle Beteiligten gut zusammenarbeiten, und gemeinsam eine Lösung herbeiführen wollen. Daher ist es sehr wichtig, sich als Lehrer:innen die eigene Profession bewusst zu machen und Eltern als Expert:innen ihrer Kinder anzusehen, sie immer wieder zu Gesprächen einzuladen und die Beziehung zu ihnen nicht aufzugeben. Manchmal kann sich die Situation klären lassen, wenn andere Personen bei dem Gespräch dabei sind: entweder eine Kollegin oder ein Kollege, die/der ein Vertrauensverhältnis zu den Eltern hat, eine Beratungslehrkraft oder ein:e externe Expert:in beispielsweise einer Beratungsstelle oder ein:e Schulpsychologe:in. Manchmal bieten die Eltern an, eine außerschulische Person (Psycholog:in oder Berater:in) zu dem Gespräch hinzuzuziehen. Dies ist als positives Signal der Kooperationsbereitschaft zu werten und sollte daher auf jeden Fall angenommen werden.
Als letzte Strategieempfehlung folgt die Wichtigste, die für den gesamten Erkenntnisgewinn von großer Bedeutung ist: der Kontakt, die Beziehung und der Dialog mit der /dem Schüler:in. Es gibt Situationen, in denen es so scheint, dass von Seiten der Schülerin / des Schülers kein Interesse mehr an Kontakt oder einem Dialog besteht, doch gerade dann ist es wichtig, dass die Lehrperson echtes Interesse zeigt und ihr/ ihm signalisiert, dass ihr die Beziehung zu ihr/ihm sehr wichtig ist. Die / Der Schüler:in braucht diese Beziehung. Auch wenn sie/er provoziert oder ablehnend regiert, steckt dahinter ein sehr großes Bedürfnis nach Anerkennung, nach Unterstützung zur Problemlösung 5. Auch in diesen Situationen ist es hilfreich, sich bewusst zu machen, warum die/der Schüler:in so reagieren könnte. Vielleicht schämt sie/er sich? Vielleicht möchte sie/er nicht das Gesicht vor den Mitschüler:innen verlieren? Vielleicht findet sie/er selbst keinen Ausweg aus der Situation und blockt daher zunächst alle Kontaktbemühungen ab? Vielleicht ist der Selbstwert auch schon so gesunken, dass sie/er annimmt, dass gar kein echtes Interesse mehr an der eigenen Person bestehen kann. Daher ist es wesentlich, die Beziehung nicht aufzugeben und an die/den Schüler: in zu glauben, auf eine positive Veränderung zu vertrauen und echtes, ehrliches Interesse an ihr/ihm zu zeigen.
Sollte die Beziehung wirklich so angegriffen sein, dass das echte Interesse nur vorgetäuscht wäre, ist eine professionelle Herangehensweise notwendig, sich dies einzugestehen und aufrichtig damit umzugehen. Dazu gehört beispielsweise, sich einer Kollegin / einem Kollegen anzuvertrauen und ihr/ihm die Begleitung und Unterstützung des Kindes / des Jugendlichen und der Familie zu übertragen und sich aus dem Prozess zurückzuziehen. Im Einzelfall (je nach Situation und Alter des Kindes/Jugendlichen) kann es auch empfehlenswert sein, offen mit der/dem Schüler:in ins Gespräch zu gehen. Eine wesentliche Voraussetzung ist dabei, die Verantwortung für die eigenen Emotionen und inneren Konflikte zu übernehmen und nicht der/dem Schüler:in die Schuld zu übertragen.
Wenn es gelingt die Beziehung auch in den herausforderndsten Situationen gut zu gestalten und aufrechtzuerhalten, ist es wichtig immer wieder positive Aspekte zu fokussieren. Dann gelingt es auch, über die angespannten, schwierigen Momente sprechen zu können und gemeinsam neue Erkenntnisse zu gewinnen, die für eine Lösung richtungsweisend sind.